Gottesglaube zwischen Tradition und Modernität
(Die Dokumentation des Kongresses ist bereits erschienen und allen Mitgliedern zugeschickt worden. Wer interessiert ist, kann sie in der Geschäftsstelle erwerben.)
Bericht vom 3. internationalen Kongreß der Europäischen Gesellschaft für Katholische Theologie
Fast 260 Theologinnen und Theologen aus ganz Europa haben Ende August vier Tage lang in Nijmegen/ Niederlande miteinander über den Gottesglauben zu Beginn des Christentums und über den Gottesglauben in unserer Zeit gesprochen. In sieben Hauptreferaten und 30 Arbeitskreisen bekamen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des 3. internationalen Kongresses der Europäischen Gesellschaft für Katholische Theologie die Gelegenheit zur Reflexion und Diskussion über die Entwicklung des Gottesglaubens in der normativ verstandenen Anfangszeit des Christentums und über die Formen, die der gleiche Glaube auf der Schwelle zum 3. Jahrtausend annimmt.
Das Spannungsverhältnis zwischen dem Gottesglauben in den ersten drei Jahrhunderten und dem in der modernen Zeit ist für die Theologie deshalb so wichtig, weil die Zeit der Kirchenväter, wie Wayne Meeks von der Yale Universität (USA) es als einer der Hauptreferenten des Kongresses ausdrückte, oft als das Goldene Zeitalter, als einzigartig und als normativ bezeichnet wird. Im Eröffnungsgottesdienst in der Nijmegener St. Stevenskerk wies Bischof Mgr. Ad van Luyn aus Rotterdam, der als Vertreter des Vorsitzenden des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen Kardinal Vlk aus Prag und auch im Namen von Kardinal Simonis den Festgottesdienst mit den Kongreßteilnehmerinnen und -teilnehmern feierte, auf die verantwortliche Aufgabe der Übersetzung dieser Tradition in die heutige Zeit hin. Dabei müssen Theologen und Hirten, so der Bischof, zusammenarbeiten, nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit dem Herz.
Am ersten Kongreßtag haben Kari Brresen (Oslo) und Bruno Forte (Neapel) das Spannungsverhältnis zwischen Tradition und Modernität vom dogmatischen Gesichtspunkt her betrachtet. Brresen betonte die Kontinuität, die durch die fortwährende Nahrung der Tradition durch neue Erfahrungen entsteht. Sie erläuterte dies anhand des Grabens, der zwischen dem Frau-sein und dem Bild von Gott-sein besteht, der durch die Kirchenväter eigentlich nicht und durch die Kirchenmütter (Hildegard von Bingen, Brigitta von Schweden, Juliana von Norwich) letztendlich wohl überbrückt worden ist. Forte, der das Jetzt zum Ausgangspunkt hatte, beschrieb die Modernität als Totalitätsbestreben (das starke Denken der Aufklärung) oder als Fragmentarisierung (das schwache Denken des Postmodernismus). Seine Auslegung der Offenbarung als re-velatio, Enthüllung, aber zugleich auch Verhüllung, führte ihn zur Feststellung des Schweigens Gottes und einer dialektisch-kritischen Bewahrung der Geschichte.
Der zweite Tag, den Riten und der Liturgie damals und heute geweiht, brachte einen Kontrast zwischen dem offenen, aber klassisch-liturgiehistorischen Referat von Marcel Metzger (Straßburg) und der flamboyanten Beschreibung der Einführungsriten durch den Anthropologen Ron Grimes (Ontario) zum Vorschein. Metzger betonte die Pluriformität der Liturgie in den ersten Jahrhunderten des Christentums und deren pastorale und Theologie-inspirierende Funktion in der Entwicklung der apostolischen Zeit bis zur Reichskirche. Grimes ging anhand anthropologischen Materials (u.a. von den Hopi-Indianern) ausführlich auf das Dilemma ein, daß das Fehlen deutlicher Initiationsriten entweder zu nostalgischen Phantasien oder zu institutionalisierten, abstrakten und kaum mehr wiederzuerkennenden Riten führt.
Am dritten Tag stand die Ethik im Mittelpunkt. Für den bereits genannten Wayne Meeks (Yale) ist die Ethik der ersten Jahrhunderte des Christentums eine Antwort- und Verantwortlichkeitsethik, die nicht einförmig, sondern polyphon ist. Dietmar Mieth (Tübingen) stellte fest, daß die Ethik nicht außerhalb der religiösen Identität steht, sondern zugleich selbständig, autonom ist. Am Schlußtag gab Johannes van der Ven (Nijmegen), der den angekündigten David Tracy (Chicago) vertrat, mit Hilfe der Kriterien des Religionssoziologen N. Luhmann weiterdenkend, für den authentischen Gottesglauben in der modernen, säkularisierten Gesellschaft einen Ausblick auf einen nicht-hierarchisch (pantheistisch) und einen polyzentrisch (polytheistisch) erlebten Glauben an Gott.
Die Hauptreferate gaben ein interessantes Kaleidoskop theologischer Einsichten, Interpretationen und Dilemmas wieder. Ziel der Organisatoren war es, die Dilemmas diskussionsfähig oder sogar lösbar zu machen. Dafür aber war der Abstand zwischen der historischen Analyse und der systematischen Bewertung oft zu groß. Nur selten gingen die Referenten inhaltlich aufeinander wirklich ein. Das war sehr wohl auf der Podiumsdiskussion und in den vielen Arbeitskreisen der Fall. Den Auftakt bei der Podiumsdiskussion machte Anton Houtepen, Direktor des Interuniversitären Institutes für Missiologie und Ökumene (Utrecht) mit der Feststellung, daß die Gotteslehre in der Ökumene in den letzten 30 Jahren kaum explizit zur Sprache gebracht worden ist. Er plädierte dafür, dem alttestamentlichen Gottesbild, der gemeinschaftlichen Theologie der Religionen und dem konziliaren Prozeß von Gerechtigkeit, Friede und Bewahrung der Schöpfung mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Ulrich Kühn (Lutheraner, Leipzig), Elizabeth Templeton (Presbyterianerin, Edinburgh), Natathaliya Kochan (Griechisch-katholisch, Kiew) und Leo Koffeman (Kalvinist, Kampen) trugen aus ihren unterschiedlichen konfessionellen Traditionen zur Analyse und Diskussion bei.
Auf der Mitgliederversammlung, die am letzten Morgen des Kongresses stattfand, wurde ein neuer Vorstand gewählt: Präsident wurde der Österreicher Gerhard Larcher (Graz), Schriftführer Józef Niewiadomski (Innsbruck), Schatzmeisterin Ilse Kögler (Linz). Als Vizepräsident wurde José Alemany Briz (Madrid) wiedergewählt. Zweiter Vizepräsident wurde Janez Juhant (Ljubljana). Sie lösten das alte Präsidium ab: Johannes A. van der Ven (Präsident, Nijmegen), Nico Schreurs (Tilburg, Schriftführer), Gerard Rouwhorst (Schatzmeister, Utrecht), Aniela Dylus (Vizepräsidentin, Warschau).
Der 3. Kongreß, den die Europäische Gesellschaft für Katholische Theologie seit ihrer Gründung 1989 abgehalten hat, und der der erste außerhalb Deutschlands war, hat der europäischen katholischen Theologie dazu verholfen, in einer guten Atmosphäre in einen wechselseitigen Austausch zwischen dem Norden, Süden, Osten und Westen zu treten. Insbesondere die osteuropäischen Theologinnen und Theologen, die bereits vor drei Jahren am 2. ET-Kongreß 1995 in Freising in großer Zahl teilgenommen hatten, waren zahlreich vertreten und wie selbstverständlich in den Kongreß integriert. Darüber hinaus hat die Anwesenheit verschiedener außer-europäischer Gäste und die Teilnahme von Bischof Van Luyn aus Rotterdam und Alt-Bischof Ernst aus Breda den Kongreß bereichert. Das wissenschaftliche Hauptprogramm, die täglichen Liturgiefeiern, bei denen die verschiedenen Sektionen schon bei der Vorbereitung mit einbezogen worden waren, das abendliche Konzert des Chores für neue niederländische religiöse Musik und nicht zuletzt der Besuch des Kröller-Möller-Museums, das im Herzen des Hoge-Veluwe-Parks bei Arnhem gelegen ist, hat mit dazu beigetragen, daß der Weg einer umfassenden europäischen Integration zwischen Ost, Süd, Nord und West fortbeschritten werden kann.
Nijmegen, den 20. Oktober 1998
Prof. Dr. Johannes A. van der Ven
